Satelliten sind das Rückgrat unserer modernen Welt. Ohne sie funktionieren Navigation, Kommunikation oder viele sicherheitsrelevante Anwendungen nicht mehr. Doch genau diese kritische Infrastruktur gerät zunehmend unter Druck – und zwar nicht nur durch wachsenden Weltraumschrott, sondern auch durch gezielte Angriffe. Stefan Frey, CEO und Mitgründer des Münchner Spacetech-Startups Vyoma erklärt in unserem Videocast Pitch & People:
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„Satelliten sehen sich Gefahren ausgesetzt wie Jamming, Spoofing, aber auch Eavesdropping, also reinhören in die Kommunikation. Es gibt jetzt auch schon Satelliten, die andere Satelliten packen können. Das ist eine reale Gefahr.“
Was lange abstrakt wirkte, ist inzwischen konkrete Realität. Im Orbit geht es längst nicht mehr nur um Technik, sondern auch um Kontrolle, Einfluss und Sicherheit.
Wie bei Star Wars: Spionageattacken auf Satelliten
Ein besonders eindrückliches Beispiel lieferte kürzlich ein russischer Satellit, der sich gezielt in die Nähe europäischer Kommunikationssatelliten bewegte und deren Datenverkehr überwachte. Kein Einzelfall seit dem Ukraine-Krieg. Die betroffenen Systeme sind häufig älter und wurden zu einer Zeit entwickelt, in der solche Szenarien kaum bedacht wurden.
Die Konsequenzen können gravierend sein. Wer versteht, wie ein Satellit gesteuert wird, kann ihn im Extremfall manipulieren oder außer Gefecht setzen.
„Und wenn man das selber nicht merkt auf dem Boden, dann hat man plötzlich einen Spion auf seinem eigenen Satelliten. Das ist heute schon ein Problem. Wir sehen das die ganze Zeit“,
so Frey.
Gleichzeitig verschwimmen die Grenzen zwischen ziviler und militärischer Nutzung immer stärker. Technologien, die eigentlich zur Beseitigung von Weltraumschrott gedacht sind, lassen sich auch für Angriffe einsetzen.
„Solche Satelliten können gezielt auf andere Satelliten zufliegen und sie etwa mit einem Greifarm oder sogar mit Netzen einfangen. Diese Technologien werden zwar ursprünglich für das aktive Entfernen von Weltraumschrott entwickelt, haben aber natürlich auch eine klare militärische Dimension.“
Ein überfüllter Orbit als Risikofaktor
Neben diesen gezielten Bedrohungen wächst ein weiteres Problem rasant: die schiere Menge an Objekten im All. Tausende Satelliten, alte Raketenstufen und unzählige Trümmerteile bewegen sich mit enormer Geschwindigkeit durch den Orbit.
Schon kleine Teile können massive Schäden verursachen. Entsprechend müssen Betreiber heute regelmäßig Ausweichmanöver durchführen – oft auf Basis ungenauer Daten.
„Wir wissen oft gar nicht genau, wo sich die Objekte im All befinden – entsprechend schwer ist es, das Kollisionsrisiko zuverlässig abzuschätzen. Deshalb müssen Betreiber derzeit sehr konservativ vorgehen und vergleichsweise häufig Ausweichmanöver einleiten.“
Mit dem geplanten Ausbau auf Millionen von Satelliten droht sich diese Situation weiter zu verschärfen. Für Frey ist klar: Das aktuelle System ist nicht skalierbar.
Vom Nischenproblem zur systemischen Gefahr
Noch sind tatsächliche Kollisionen im All selten – bislang wurden vier größere Zusammenstöße bestätigt. Doch die Dynamik verändert sich rasant. Jeder Zusammenstoß erzeugt tausende neue Trümmerteile, die wiederum das Risiko für weitere Kollisionen erhöhen.
Gleichzeitig wächst die Zahl der Satellitenbetreiber und Anwendungen exponentiell. Was heute noch beherrschbar wirkt, kann schnell zu einer Kettenreaktion werden, die ganze Umlaufbahnen unbenutzbar macht. Für die Raumfahrtindustrie, aber auch für Wirtschaft und Gesellschaft, wäre das ein massives Problem.
Dr. Stefan Frey ist Mitgründer und CEO des Münchner Spacetech-Startups Vyoma, dass Lösungen für Space Traffic Management und Satellitensicherheit entwickelt. Der Schweizer Frey ist Astrodynamik-Experte und beschäftigte sich schon früh mit Weltraumschrott und Kollisionsrisiken. Während seiner Zeit beim Space Debris Office der Europäischen Weltraumorganisation (ESA) vertiefte er seine Arbeit an der nachhaltigen Nutzung des Weltraums. Seine Promotion absolvierte er am Politecnico di Milano, wo er die Auswirkungen von Fragmentierungen im Orbit auf andere Satelliten untersuchte. Mit Vyoma verfolgt Frey das Ziel, den Weltraum langfristig sicherer und nachhaltiger zu machen – unter anderem durch bessere Daten, automatisierte Satellitenoperationen und eigene weltraumgestützte Sensorsysteme.
Europas Abhängigkeit – und Vyomas Ansatz
Ein zentrales Problem liegt in der Datenlage. Europa ist heute stark auf Informationen aus den USA angewiesen – mit allen damit verbundenen Unsicherheiten.
Hier setzt Vyoma an. Das Startup entwickelt ein eigenes, weltraumgestütztes Überwachungssystem. Statt nur vom Boden aus zu messen, beobachten eigene Satelliten direkt im Orbit andere Objekte und erstellen präzise Bewegungsdaten.
Und das nicht nur auf dem Papier: Vyoma hat bereits den ersten eigenen Satelliten ins All gebracht. Der rund 100 Kilogramm schwere Satellit ist seit Januar im Orbit und befindet sich aktuell in der Inbetriebnahme. Schon in den kommenden Wochen sollen erste Daten an Kunden geliefert werden. Vyoma plant eine ganze Konstellation aus mehreren Satelliten, um den erdnahen Orbit lückenlos zu überwachen und deutlich genauere Daten bereitzustellen.
„Wir brauchen bessere Daten, in Deutschland und in Europa. Dafür müssen wir unabhängiger werden und anfangen, unsere eigenen Daten zu produzieren.“
Langfristig geht es dabei nicht nur um eine bessere Übersicht, sondern auch um mehr Autonomie im All. Satelliten sollen künftig selbstständig auf Risiken reagieren können – ohne permanente Kontrolle vom Boden.
Für Frey ist das erst der Anfang einer Entwicklung, die weit über einzelne Technologien hinausgeht. Denn wer den Überblick im Orbit verliert, riskiert nicht weniger als die Funktionsfähigkeit zentraler Infrastrukturen auf der Erde.