Das Münchner Startup Dcubed entwickelt entfaltbare Strukturen für Satelliten, die sich erst im All vollständig ausdehnen und so deutlich größere Solararrays und Antennen ermöglichen. Gründer und CEO Thomas Sinn kündigte auf dem Munich Space Summit 2026 im Interview mit Munich Startup eine eigene Demonstrationsmission mit 15 Meter großem Solararray und In-Space-Manufacturing-Technologie an, wie ihr unten im Video sehen könnt.
Origami trifft Raumfahrt: Warum Dcubed neue Maßstäbe setzt
Was Dcubed von klassischen Raumfahrtzulieferern unterscheidet, ist der konsequente Fokus auf Strukturen, die nicht für den Raketenstart, sondern für ihre optimale Funktion im All entwickelt werden. Inspiration kommt dabei nicht nur aus der Ingenieurswissenschaft, sondern auch aus Natur und Origami.
„Ich habe gedacht: Warum schaue ich nicht in die Natur? Weil die Natur hat ja schon Milliarden an Optimierungszeiten reingesteckt und dann war es die Kombination aus Origami und was man in der Biologie sieht, also wie die Blätter sich entfalten, wie auch zum Beispiel eine Libelle ihre Flügel ausfaltet“,
sagt Thomas Sinn im Gespräch auf dem Munich Space Summit.
Während Raketen nur begrenzten Platz bieten, steigt der Bedarf an großen Strukturen im Orbit rapide. Dcubed nutzt faltbare Designs und neue Fertigungsmethoden, um diesen Zielkonflikt zu lösen.
Das Unternehmen entstand aus Sinns Forschung zu entfaltbaren Strukturen während seiner Promotion sowie aus praktischen Erfahrungen in der Raumfahrtindustrie – unter anderem bei einer Mission, bei der zentrale Komponenten am Markt schlicht nicht verfügbar waren.
Wachsender Energiebedarf im All treibt Entwicklung voran
Die Relevanz solcher Technologien nimmt aktuell deutlich zu. Neue Anwendungen im All verändern die Anforderungen an Satelliten:
- Kommunikationskonstellationen benötigen mehr Leistung
- Space-basierte Rechenzentren entstehen
- Anwendungen im Orbit skalieren Richtung Kilowatt und Megawatt
„Es gibt sehr viele Kommunikationskonstellationen, die dann nicht nur ein paar hundert Watt brauchen, sondern Kilowatt oder Megawatt und das kann man gar nicht alles starten. Also das muss man wirklich falten und dann, wenn man im Weltall ist, oben entfalten“,
so Sinn im Gespräch mit Munich Startup.
In-Space Manufacturing: Produktion verlagert sich ins All
Ein zentraler technologischer Ansatz von Dcubed ist die Fertigung direkt im Weltraum. Dabei kommt eine Art „3D-Druck“ zum Einsatz, bei dem ein UV-härtendes Harz auf zuvor entfaltete Strukturen aufgebracht und anschließend durch Sonnenlicht ausgehärtet wird. Auf diese Weise lassen sich besonders große und zugleich extrem leichte Konstruktionen realisieren. Der entscheidende Vorteil hierbei ist, dass die Komponenten nicht mehr vollständig für die enormen Belastungen eines Raketenstarts ausgelegt sein müssen, da ein Teil der Struktur erst im Orbit entsteht.
Space-Hardware „von der Stange“
Ein weiteres Kernproblem der Raumfahrtbranche ist die geringe Verfügbarkeit standardisierter Komponenten. Dcubed setzt hier bewusst auf einen Plattformansatz, bei dem Produkte nicht mehr individuell für jede Mission neu entwickelt werden, sondern als standardisierte Lösungen direkt verfügbar sind. Diese lassen sich skalierbar produzieren und können von Kunden unkompliziert bezogen werden – perspektivisch sogar direkt online. Damit überträgt das Startup etablierte Prinzipien aus anderen Industrien auf die Raumfahrt und schafft die Grundlage für schnellere Entwicklungszyklen und effizientere Lieferketten.
Auslöser war eine konkrete Erfahrung: Für eine Mission fehlte ein entscheidender Auslösemechanismus – trotz enger Zeitvorgaben.
„Ich konnte nicht glauben, dass so ein Auslösemechanismus nirgendwo verfügbar war“,
sagt Sinn.
Der Ansatz ermöglicht es, Kosten zu senken und gleichzeitig die Qualität zu erhöhen. Durch hohe Stückzahlen in der Produktion sinken die Herstellungskosten deutlich, während die wiederholte Qualifikation der standardisierten Produkte die Zuverlässigkeit steigert. Gleichzeitig entfallen viele individuelle Entwicklungsschleifen, die bislang jede Mission verlangsamt und verteuert haben. Dies führt insgesamt zu effizienteren Prozessen in der Raumfahrt.
Die Raumfahrtbranche gilt traditionell als konservativ und wird von großen, staatlich geprägten Akteuren dominiert. Doch mit dem Markteintritt von SpaceX hat sich die Dynamik grundlegend verändert: Kommerzielle Geschäftsmodelle im All sind heute Realität, was eine Welle neuer Raumfahrtunternehmen – auch in Europa – ausgelöst hat. Diese sogenannten New-Space-Player treiben Innovationen voran. Auch sind sie offen für neue Technologien, um sich Wettbewerbsvorteile zu sichern. Für Dcubed eröffnet genau das den Marktzugang: zunächst über agile, innovationsgetriebene Unternehmen und zunehmend auch über etablierte Konzerne, sobald erste Einsätze und Flugerfahrungen die notwendige Vertrauensbasis geschaffen haben.
Technisches Risiko: Wenn sich nichts entfaltet
Eines der größten Risiken in der Raumfahrt bleibt die fehlerhafte Entfaltung von Strukturen, insbesondere bei Solarpaneelen, da ein Versagen in diesem Bereich oft den gesamten Satelliten funktionsunfähig macht. Dcubed begegnet dieser Herausforderung mit redundanten Systemen, thermischen Backup-Mechanismen sowie einer engen Zusammenarbeit mit Kunden bereits im Designprozess. Damit kann man potenzielle Fehlerquellen frühzeitig minimieren. Gleichzeitig stoßen selbst umfangreiche Tests am Boden – etwa unter Vibrations-, Vakuum- oder Temperaturbedingungen – an ihre Grenzen, da sie die realen Bedingungen im All nur teilweise abbilden können.
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