Foto: Munich Space Summit

Warum Europas Mega-Konstellationen am Software-Problem scheitern könnten

Mega-Konstellationen gelten als nächster großer Entwicklungsschritt der Raumfahrt – doch für Daniel Holle von Helsing entscheidet sich der Wettbewerb nicht im All, sondern in der Software, wie er beim Munich Space Summit klarmacht. Der Münchner Defense-AI-Spezialist argumentiert, dass erst KI und schnelle Softwarezyklen den Betrieb tausender Satelliten überhaupt beherrschbar machen.

Daniel Holle, Domain Lead Space bei Helsing, sieht in Mega-Konstellationen vor allem ein Software- und Datenproblem – nicht primär eine Hardwarefrage. Das verriet er nun beim Munich Space Summit in einer Diskussionsrunde. Mit ihm im Panel saßen Livio Tucci (Director Consulting Expert Space, CGI), Thomas Sinn (Gründer und CEO Dcubed), Siegbert Martin (CTO Tesat) und Alessandro Marini (Data Handling Engineer Thales Alenia Space). Für das europäische Space-Ökosystem ist das entscheidend, weil sich Wettbewerbsfähigkeit künftig über KI, Softwarezyklen und Systemorchestrierung definiert, nicht über einzelne Satellitenprogramme.

Was die Diskussion besonders macht: Viele Akteure sprechen noch über Stückzahlen und Programme. Helsing verschiebt den Fokus klar auf die operative Realität großer Konstellationen. Denn mit steigender Satellitenzahl wächst vor allem die Komplexität der Datenverarbeitung, Steuerung und Sicherheit exponentiell.

Helsing: KI soll tausende Satelliten orchestrieren

Für Holle liegt der zentrale Paradigmenwechsel nicht nur in der Skalierung von Satelliten, sondern vor allem in der Art, wie diese betrieben werden. Klassische, stark menschlich gesteuerte Systeme stoßen bei Konstellationen mit hunderten oder tausenden Einheiten an ihre Grenzen. Sein Ansatz setzt deshalb auf den gezielten Einsatz von Künstlicher Intelligenz. Diese soll künftig zentrale Aufgaben in der Orchestrierung übernehmen: von der Steuerung und Koordination ganzer Satellitenverbünde über die Priorisierung und Verarbeitung großer Datenmengen bis hin zur Automatisierung operativer Entscheidungen in Echtzeit. Damit beschreibt Helsing ein Modell, in dem Konstellationen nicht mehr manuell gemanagt werden, sondern als weitgehend autonome Systeme funktionieren.

Software-Zyklen statt Hardware-Denken

Ein zentraler Punkt in Holles Argumentation ist die Diskrepanz zwischen Hardware- und Software-Innovationszyklen. Während Satelliten über Jahre entwickelt werden, entstehen neue Software- und KI-Funktionen in Wochen oder Monaten. Für die Raumfahrt bedeutet das aus seiner Sicht einen grundlegenden Strategiewechsel. Mehr Intelligenz muss in Software verlagert werden, Satelliten müssen langfristig updatefähig sein und die Rechenleistung im Orbit muss bereits für zukünftige Anwendungen mitgeplant werden. Holle zieht dabei bewusst Parallelen zur Automobilindustrie und zu Consumer-Tech-Plattformen, bei denen Systeme nicht mehr statisch sind, sondern kontinuierlich weiterentwickelt und verbessert werden.

„Als ich bei Google in Mountain View arbeitete, habe ich Android-Software in Autos integriert. Und es war wirklich sehr, sehr schwer, alle Hersteller davon zu überzeugen, diese Denkweise in die Autos zu integrieren. Auch über dieses Modell müssen wir nachdenken.“

so Daniel Holle in der Diskussionsrunde beim Munich Space Summit.

Neue Rolle von Satelliten: Daten- und Compute-Knoten im All

In der Konsequenz verändert sich auch die Rolle einzelner Satelliten grundlegend. Für Helsing sind sie künftig nicht mehr nur Träger von Sensorik oder Kommunikation, sondern aktive Knoten in einem vernetzten System. Sie übernehmen dabei Aufgaben wie die direkte Datenverarbeitung im Orbit, die Weiterleitung und Fusion von Informationen zwischen verschiedenen Satelliten. Auch übernehmen sie die Nutzung freier Rechenkapazitäten für zusätzliche Anwendungen. Damit nähert sich die Raumfahrt zunehmend bekannten Architekturprinzipien aus Cloud- und Netzwerkinfrastrukturen an – nur verlagert in den Weltraum.

Helsings Space-Strategie: End-to-End statt Nischenlösung

Auf Nachfrage konkretisierte Holle auch die strategische Ausrichtung von Helsing im Space-Bereich. Das Münchner Unternehmen verfolgt einen klaren End-to-End-Ansatz. Dieser umfasst sowohl die Integration von Satelliten-Hardware als auch die Verarbeitung von Daten im Orbit sowie deren Analyse und Nutzung am Boden. Dabei setzt Helsing nicht ausschließlich auf Eigenentwicklung, sondern gezielt auf Partnerschaften. Als Beispiel nannte Holle eine Zusammenarbeit mit Kongsberg und Hensoldt. So könne man diese Wertschöpfungskette gemeinsam abdecken. Das All ist für Helsing also keinesfalls ein Nebenfeld, sondern ein strategischer Ausbau der bestehenden Kompetenzen im Bereich Defense und KI.

Europas strukturelles Problem: zu langsam, zu wenig skalierbar

Neben technologischen Fragen adressierte Holle auch strukturelle Schwächen des europäischen Ökosystems. Sein zentraler Kritikpunkt: Europa denkt noch zu stark in kleinen Stückzahlen und zu wenig in industriellen Dimensionen. Zwar verfüge Europa über exzellente Ingenieurskompetenz, doch die Produktionskapazitäten seien zu gering, die Skalierung werde zu zögerlich angegangen und die Time-to-Market sei im internationalen Vergleich zu langsam. Damit bestätigt Holle die Einschätzung, dass Europas Herausforderung weniger in der Technologie selbst liegt, sondern vielmehr in der konsequenten Industrialisierung und Umsetzung im großen Maßstab.

Hardware bleibt wichtig – aber nicht ausreichend

Auch wenn Helsing den Fokus klar auf Software legt, wurde im Panel deutlich, dass Hardware weiterhin eine zentrale Rolle spielt. Unternehmen wie Dcubed arbeiten daran, Komponenten in großen Stückzahlen verfügbar zu machen. Damit schaffen sie die industrielle Basis für Konstellationen.

Doch genau hier zeigt sich die Wechselwirkung: Ohne skalierbare Hardware keine großen Konstellationen – ohne intelligente Software keine effiziente Nutzung dieser Systeme.

Wettbewerb entscheidet sich über Geschwindigkeit

Zum Abschluss brachte Livio Tucci die Diskussion an diesem Tag beim Munich Space Summit auf einen entscheidenden Punkt: Die Skalierung von Konstellationen dürfe nicht mit reinem Wachstum verwechselt werden. Statt immer mehr Satelliten zu starten, müsse der Fokus künftig stärker auf einem nachhaltigen und effizienten Betrieb liegen. Zwingende Voraussetzung hierfür sind die Umsetzung mit Automatisierung und Autonomie, da menschliche Steuerung bei dieser Größenordnung nicht mehr skaliert. Gleichzeitig sei Vertrauen in diese Systeme essenziell. Das funktioniert insbesondere durch transparente und zuverlässige Mensch-Maschine-Schnittstellen, die Entscheidern eine belastbare Grundlage liefern.

Ergänzend dazu plädierte Dcubed-Gründer Thomas Sinn für ein grundlegendes Umdenken in Europa: Statt vorsichtig zu agieren, müsse die Branche deutlich größer denken. Gerade im Vergleich zu den USA zeige sich, dass dort ambitionierter skaliert und mutiger investiert werde – ein Anspruch, den Europa künftig ebenfalls erfüllen müsse.

Quellen

  • Transkript der Paneldiskussion „Mega-Constellation“ mit Karla Pilotico als Moderatorin beim Munich Space Summit 2026
  • Aussagen von Daniel Holle, Domain Lead Space, Helsing
  • Aussagen von Thomas Sinn, Gründer und CEO, Dcubed
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