Munich Startup: Für welches Problem bietet ihr eine Lösung?
Oliver Diekmann, Co-Founder und CEO: Rund 70 Prozent des relevanten Wissens in Unternehmen sind nicht dokumentiert – sie stecken in den Köpfen der Menschen, die dort arbeiten. Wenn diese Menschen in Rente gehen, kündigen oder ein Unternehmen übergeben wird, geht dieses Wissen unwiederbringlich verloren. Wir nennen das Unternehmensdemenz. Bis 2030 verlassen 6,5 Millionen Babyboomer den deutschen Arbeitsmarkt, rund 545.000 Unternehmen stehen laut KfW Research bis 2029 vor der Übergabe. Wingmaite sichert dieses implizite Erfahrungswissen und macht es für Mitarbeitende und KI nutzbar, bevor es weg ist.
Munich Startup: Was könnt nur ihr Stand heute?
Oliver Diekmann: Wir bauen nicht das nächste Dokumentenmanagement-Tool, sondern den Kontext-Layer eines Unternehmens. Das heißt: Wir erfassen gezielt das Wissen, das nirgendwo aufgeschrieben ist – Erfahrungswerte, Routinen, Kundenbeziehungen, Entscheidungshintergründe. Durch KI und Voice-to-Voice-Technologie passiert das niedrigschwellig und fast beiläufig im Arbeitsalltag. Bisheriges Wissensmanagement ist oft deshalb gescheitert, weil es an den Menschen vorbei gebaut wurde und viel zu kompliziert zu pflegen war. Wir drehen das um: Wir passen uns der Arbeitsweise der Menschen an, nicht umgekehrt.
Erfahrungen aus Unternehmensübergaben flossen in die Gründung
Munich Startup: Was war der Auslöser für die Gründung?
Oliver Diekmann: Ich habe Unternehmen aufgebaut, abgegeben und neu aufgebaut. Bei jeder Übergabe habe ich erlebt, wie viel Wissen plötzlich fehlt, wenn die Menschen gehen, die es in sich getragen haben. Das war nicht in erster Linie Fachwissen, sondern vielmehr Kontext. Warum Entscheidungen so getroffen wurden, welche Kundenbeziehungen wirklich tragen, die Feinheiten, auf die es im Alltag ankommt. Als ich dann als Investor gesehen habe, wie oft Unternehmensübernahmen genau an diesem Punkt scheitern, war klar: Hier braucht es eine Lösung. Der Durchbruch bei KI hat dann den Zeitpunkt bestimmt. Zum ersten Mal können wir das, was vorher nicht skalierbar war, wirklich lösen.
Munich Startup: Gab es einen Moment, in dem ihr ans Aufgeben gedacht habt?
Oliver Diekmann: Nein. Im Gegenteil bestärkt uns das Feedback vieler mittelständischer Unternehmen, dass es unsere Lösung braucht, und wir sehen das große Potenzial. Ein bisschen Demut schadet aber nicht. Erfolg kommt nicht über Nacht, sondern nur durch stetige harte Arbeit eines guten Teams. Und sicherlich kommt mir auch zugute, dass Wingmaite nicht meine erste Gründung ist. Da ist man schon etwas resilienter und ruhiger.
Wingmaite wurde 2025 gegründet und entwickelt eine KI-basierte Lösung, um implizites Erfahrungswissen in Unternehmen zu sichern und nutzbar zu machen. Hinter Wingmaite stehen Oliver Diekmann, Co-Founder und CEO, sowie Christian Zacharias, Co-Founder und CTO. Diekmann ist Serienunternehmer und Angel Investor mit über 15 Jahren Erfahrung im Mittelstand und Private-Equity-Umfeld.
Munich Startup: Woran würdet ihr in einem Jahr erkennen, dass ihr auf dem richtigen Weg seid?
Oliver Diekmann: Daran, dass Unternehmen, die mit uns arbeiten, nach sechs Monaten sagen: „Wir hätten das vor drei Jahren machen sollen.“ Konkret heißt das, dass über 50 Prozent unserer Nutzenden sagen, dass sie auf Wingmaite nicht mehr verzichten wollen. Kunden, die messbar schneller onboarden, Nachfolgen sauberer gestalten und auf Basis ihres gesicherten Wissens KI-Agenten bauen, die echten Mehrwert stiften. Und: Das Thema Unternehmensdemenz ist in der öffentlichen Debatte angekommen und wird ernstgenommen.
„München ist unser Anker, aber nicht unsere Grenze“
Munich Startup: Würdet ihr wieder in München gründen und warum?
Oliver Diekmann: Sofort wieder. München hat ein starkes Tech-Ökosystem und gleichzeitig Nähe zum industriellen Mittelstand in Süddeutschland, also zu den Unternehmen, für die wir bauen. Die Stadt zieht Top-Talente an, hat eine lebendige Gründerszene und bietet als Standort Glaubwürdigkeit, wenn du mit MittelständlerInnen und InvestorInnen sprichst. Gleichzeitig arbeiten wir vollständig remote mit einem Team über Deutschland und Portugal verteilt. München ist unser Anker, aber längst nicht unsere Grenze.
Munich Startup: Bootstrapping oder Venture Capital?
Oliver Diekmann: Wir sind im Wesentlichen bootstrapped und zu einem kleineren Teil von Business Angels finanziert, werden aber in diesem Jahr auch eine Finanzierungsrunde abschließen. Wissensinfrastruktur für den Mittelstand zu bauen, braucht Geschwindigkeit und Investition. Gleichzeitig achten wir darauf, dass unser Geschäftsmodell von Anfang an auf echtem Kundennutzen basiert. Die richtige Balance zwischen Bootstrapping-Mentalität und dem Tempo durch externes Kapital ist für uns der Schlüssel.