Foto: Custom Surgical

Alle Augen auf Custom Surgical: Das Ende analoger Augenmedizin?

Das Münchner Startup Custom Surgical hat eine Pre-Series-A-Finanzierungsrunde abgeschlossen, zieht in neue Büros im Münchner Technologiezentrum und plant eine Verdopplung des Teams. Das Unternehmen kombiniert Hardware, Cloud-Plattform und KI, um ophthalmologische Diagnostik zu digitalisieren und skalierbar zu machen.

Was Custom Surgical vom klassischen Medtech-Wettbewerb unterscheidet, ist der konsequente Plattformansatz. Statt nur einzelne Geräte zu entwickeln, baut das Startup mit Sitz im MTZ (Münchner Technologiezentrum) eine integrierte Infrastruktur aus Hardware, Datenmanagement und KI für die Augenheilkunde auf.

Gegründet wurde das Unternehmen von Federico Acosta. Der Kolumbianer kam vor rund acht Jahren nach München, um an der TU München zu studieren. Dort legte er mit seinem Co-Founder Fernando Benito die Basis für Custom Surgical. Heute adressiert das Startup ein strukturelles Problem im globalen Gesundheitsmarkt: Die steigende Nachfrage nach augenärztlicher Diagnostik trifft auf einen Mangel an Fachpersonal.

Der Lösungsansatz könnte sein, diagnostische Prozesse teilweise von rein ärztlicher Arbeit hin zu KI-gestützter Auswertung zu verschieben.

Drei Stufen: Von Hardware über Cloud bis zur KI-Diagnostik

Die Technologie von Custom Surgical basiert auf einem dreistufigen Modell:

1. Digitalisierung bestehender Mikroskope

Im ersten Schritt setzt das Startup bei der Realität in Praxen und Kliniken an: Viele ophthalmologische Geräte sind analog oder nur eingeschränkt digital.

Mit Produkten wie dem „MicroREC“ oder dem „MicroREC 3D“ lassen sich bestehende Mikroskope ohne großen Aufwand digitalisieren. Die Lösungen sind als Plug-and-Play-Systeme konzipiert und können laut Unternehmen in weniger als einer Minute installiert werden – ohne technische Spezialkenntnisse.

Ein Beispiel ist ein optisches System, das Smartphones direkt mit Mikroskopen verbindet und so Bild- und Videoaufnahmen ermöglicht.

2. Cloudbasierte Datenplattform

Eine eigene Cloud-Plattform speichert und strukturiert die erfassten Daten. Diese ist nach Unternehmensangaben DSGVO- und HIPAA-konform und dient als zentrales Repositorium (digitaler Speicherort, der die Forschungsdaten oder Softwaredateien strukturiert archiviert und zugänglich macht) für Bild- und Videodaten.

Für ÄrztInnen ergeben sich daraus mehrere Vorteile: Die OP- und Diagnosedaten werden automatisch organisiert und der Austausch mit KollegInnen weltweit wird deutlich vereinfacht. Auch lassen sich die Inhalte problemlos für Forschung, Lehre und Dokumentation nutzen. Gleichzeitig sorgt die vollständige Datenspeicherung für eine zusätzliche rechtliche Absicherung

3. KI zur Unterstützung der Diagnose

Auf dieser Datengrundlage baut Custom Surgical aktuell seine KI-Plattform auf. Ziel ist es, Pathologien automatisiert zu erkennen und ÄrztInnen bei Diagnosen zu unterstützen.

Weltweit wächst die Zahl der PatientInnen schneller als die Zahl ausgebildeter FachärztInnen für Augenheilkunde. KI soll helfen, diese Lücke zu schließen und Diagnostik effizienter zu machen.

3D-Visualisierung verändert Ausbildung und OP-Prozesse

Mit dem neuen Produkt „MicroREC 3D“ bringt das Startup zusätzlich eine 3D-Komponente in die Augenheilkunde. Statt durch klassische Okulare zu schauen, nutzen ÄrztInnen 3D-Brillen, um Eingriffe digital zu verfolgen.

Das hat mehrere Effekte:

  • bessere Ergonomie während den Operationen für den oder die OperateurIn
  • Echtzeit-Übertragung für Schulungen oder Remote-Unterstützung
  • verbesserte Ausbildung durch realistische Tiefenwahrnehmung

Gerade in komplexen Eingriffen, etwa bei Retina- oder Glaukom-Operationen, ist räumliches Sehen entscheidend – ein Bereich, in dem klassische 2D-Systeme an Grenzen stoßen.

Fokus auf zugängliche Digitalisierung statt High-End-Geräte

Ein zentraler Bestandteil der Wachstumsstrategie ist die Positionierung als kosteneffiziente Alternative zu vollständig neuen digitalen Mikroskopen. Denn hochmoderne Geräte etablierter Hersteller sind oft teuer und schwer integrierbar. Custom Surgical setzt stattdessen auf modulare Erweiterungen bestehender Infrastruktur.

„ÄrztInnen müssen kein komplett neues System kaufen – sie können ihre vorhandenen Geräte digitalisieren“,

erklärt Head of Growth Giuliana Menezes im Interview mit Munich Startup.

Neben AugenärztInnen spricht diese Technologie auch kleinere und mittlere Kliniken, VeterinärmedizinerInnen und den Bereich der Neurochirurgie, HNO und Endodontie als Zielgruppe an.

Wettbewerb: Startup trifft auf Medtech-Konzerne

Custom Surgical bewegt sich in einem Markt, der von großen Playern wie ZEISS, Leica oder Alcon dominiert wird, wobei diese teilweise bereits mit dem Startup zusammenarbeiten oder investieren. Gleichzeitig sieht sich das Unternehmen mit hohen regulatorischen Anforderungen wie FDA- und ISO-Zertifizierungen, langwierigen Zulassungsprozessen sowie einer im Vergleich zu etablierten Anbietern geringeren Markenbekanntheit konfrontiert. Dennoch sieht das Team genau in diesen Rahmenbedingungen die Chance, mit flexibleren und softwarezentrierten Lösungen schneller voranzukommen und sich im Wettbewerb klar zu differenzieren.

München als Standort für Medtech- und KI-Entwicklung

Der Standort München spielt für Custom Surgical eine zentrale Rolle: Das Gründerteam Federico Acosta und Fernando Benito lernte sich an der TU München kennen. Heute profitiert das Unternehmen vom lokalen Ökosystem durch den Zugang zu Forschung und Talenten und der Nähe zu etablierten Medtech-Unternehmen. Auch genießt Custom Surgical die Unterstützung durch Netzwerke wie das Werk1 und das Münchner Technologiezentrum.

Quellen

Interview mit Federico Acosta (CEO, Custom Surgical)

Interview mit Giuliana Menezes (Head of Growth, Custom Surgical)

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