Bemerkenswert ist vor allem die Kombination aus hohem Kapitalbedarf und schwindendem Vertrauen in den Standort Deutschland: Nur 17 Prozent der befragten Startups halten das Venture-Capital-Angebot hierzulande für ausreichend. Für den deutschen Startup-Standort ist der Kapitalmangel ein Warnsignal, denn es geht nicht nur um einzelne Finanzierungsrunden, sondern um die Frage, ob Wachstumsunternehmen ihre Skalierung künftig eher im Ausland organisieren.
Die Zahlen stammen aus einer aktuellen Befragung unter 133 Tech-Startups in Deutschland, die im Auftrag des Digitalverbands Bitkom durchgeführt wurde. Bitkom-Präsident Ralf Wintergerst warnt:
„Mit jedem Startup, das Deutschland verlässt, verlieren wir Arbeitsplätze und Wertschöpfung, aber vor allem auch innovative Ideen und Lösungen.“
Wintergerst verweist auf zusätzlichen Handlungsbedarf bei Wagniskapital und institutionellen Investoren.
Fast 50 Prozent planen 2026 eine Finanzierungsrunde
48 Prozent der befragten Startups wollen in diesem Jahr Kapital einsammeln. Der durchschnittliche Bedarf liegt bei rund 4 Millionen Euro. Während 64 Prozent der kapitalsuchenden Startups davon ausgehen, dass die Finanzierung gelingt, sorgt der Kapitalmangel bei 13 Prozent für Skepsis. Beinahe jedes vierte Startup ist unentschlossen oder macht dazu keine Angabe.
Das zeigt ein gemischtes Bild: Die GründerInnen sehen weiterhin Chancen am Markt, zugleich bleibt die Unsicherheit bei der tatsächlichen Kapitalverfügbarkeit hoch. Gerade für wachstumsorientierte Startups ist das relevant, weil verspätete oder kleinere Runden direkte Folgen für Hiring, Produktentwicklung und Internationalisierung haben können. Diese Einordnung ergibt sich aus den erhobenen Finanzierungsabsichten und der zugleich kritischen Bewertung des Kapitalangebots.
Deutsche und EU-InvestorInnen klar vor den USA
Bei der Herkunft des Kapitals ist die Präferenz eindeutig: 74 Prozent würden ihren Kapitalbedarf am liebsten mit InvestorInnen aus Deutschland decken, weitere 22 Prozent halten deutsche InvestorInnen grundsätzlich für eine Option. Mehr als die Hälfte bevorzugt InvestorInnen aus anderen EU-Ländern, während nur noch 13 Prozent amerikanische InvestorInnen präferieren. InvestorInnen aus China spielen kaum eine Rolle: Nur ein Prozent bevorzugt sie, 66 Prozent schließen sie aus.
Damit verschiebt sich der Fokus weiter in Richtung heimisches und europäisches Kapital. Für das Ökosystem ist das doppelt relevant. Einerseits wächst der Wunsch nach geografischer Nähe und besserem Marktverständnis auf InvestorInnenseite. Andererseits steigt damit der Druck auf Deutschland und Europa, größere Finanzierungsrunden auch tatsächlich aus eigener Kraft abbilden zu können.
IPO-Perspektive: Deutschland und Ausland nahezu gleichauf
Auch beim möglichen Exit zeigt sich keine eindeutige Bindung an den heimischen Kapitalmarkt. 43 Prozent der Startups können sich einen Börsengang in Deutschland vorstellen, 40 Prozent ziehen eine ausländische Börse in Betracht.
Das ist ein weiterer Hinweis darauf, dass die Standortfrage nicht erst bei der Frühphasenfinanzierung beginnt. Sie reicht bis in spätere Wachstumsphasen hinein, in denen Liquidität, Analystenabdeckung und Marktbreite von Börsenplätzen zunehmend wichtig werden. Die fast identischen Werte deuten darauf hin, dass deutsche Startups nationale und internationale Kapitalmärkte inzwischen als nahezu gleichwertige Optionen prüfen.
Win-Initiative soll Kapitalmangel entgegenwirken
Bitkom verweist als möglichen Hebel auf eine weitere Stärkung der Win-Initiative. Laut Bundesfinanzministerium soll die Initiative die Rahmenbedingungen für Wachstums- und Innovationskapital verbessern. Die beteiligten Unternehmen wollen rund 12 Milliarden Euro bis 2030 in die Stärkung des deutschen Venture-Capital-Ökosystems investieren.
Hinzu kommen Forderungen nach stärkeren Anreizen für institutionelle Investoren und einer Reform der privaten Altersvorsorge, damit mehr Kapital in Venture-Capital-Strukturen fließen kann. Genau an diesem Punkt liegt die politische und wirtschaftliche Relevanz der Bitkom-Zahlen: Wenn der Finanzierungsbedarf steigt, die Kapitalbasis im Inland aber als zu schwach wahrgenommen wird, drohen Abwanderung und ein Verlust von Skalierungspotenzial.
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