Munich Startup: Was für einen bisherigen Karriereweg hattest Du?
Ruth Bosse: Ich bin seit 18 Jahren in der Kommunalpolitik aktiv, habe einen Master in Mathematik und einen in Business Administration und außerdem zu politischen Klimaschutzmaßnahmen promoviert. Vor der Gründung von Ark Climate war ich Projektleiterin bei McKinsey. Dort habe ich Städte zu Klimaschutz und -anpassung beraten. Wir haben unter anderem 2022 den Klimafahrplan für die Stadt Stuttgart entwickelt.
Munich Startup: Was hat Dich zur Gründung motiviert?
Ruth Bosse: Ich möchte einen Beitrag dazu leisten, dass wir endlich bessere politische Entscheidungen treffen, die schneller umgesetzt werden können und für BürgerInnen stärker nachvollziehbar sind – insbesondere bei einem so wichtigen Thema wie dem Klimaschutz. Ich erhoffe mir dadurch auch eine Stärkung unserer Demokratie.
Andererseits möchte ich einen Ort schaffen, an dem herausragende Menschen nicht nur wirklich etwas bewegen können, sondern sich auch persönlich weiterentwickeln können – und dabei gemeinsam Freude an der Arbeit haben.
Unternehmerischer Weg und Finanzierung
Munich Startup: Was hättest Du gerne vor Deiner ersten Gründung gewusst?
Ruth Bosse: Zu Beginn der Gründung habe ich geglaubt, mir selbst erst beweisen zu müssen, dass ich das kann. Dadurch habe ich oft länger gearbeitet, als nötig gewesen wäre, und meine Entscheidungen sowie meine Intuition zu stark hinterfragt. Heute gehe ich mit mehr Vertrauen und Sicherheit an die Dinge heran – und entwickle so Schritt für Schritt meinen eigenen Gründungsstil
Munich Startup: Wie ist Dein Unternehmen bislang finanziert?
Ruth Bosse: Ein Jahr nach unserer Gründung zählen bereits 16 Kommunen zu unseren Kunden und wir haben einen Umsatz von 500.000 Euro. Ende 2024 haben wir zudem eine Pre-Seed-Runde über 1 Million Euro abgeschlossen. Diese wird vom Climate-Tech-Risikokapitalgeber Satgana angeführt – begleitet von weiteren VCs sowie Business Angels mit fundierter Erfahrung in GovTech und ClimateTech.
Darüber hinaus profitieren wir von Förderprogrammen, wie zum Beispiel vom EXIST-Gründerstipendium. Ein zusätzlicher Schub war auch die Auszeichnung mit dem Gründerpreis „Digital Innovation“ des BMWK, überreicht von Vizekanzler a.D. Robert Habeck.
Was der Blick über den Tellerrand bringt
Munich Startup: Wann und wo bekommst Du die besten Ideen?
Ruth Bosse: Die besten Ideen entstehen für mich im gemeinsamen Austausch – im Gespräch mit meinem Team, mit KundInnen, Menschen aus Politik und Klimaschutz, aber auch abseits davon: beim gemeinsamen Sport oder in der Kunst.
Gerade dieser Blick über den Tellerrand hat viel zur Vision hinter Ark beigetragen: Ursprünglich als Tool für kommunales Klimaschutzmanagement gedacht, wurde schnell klar: Veraltete Software ist kein Nischenproblem, sondern betrifft Verwaltungen grundsätzlich – quer durch alle politischen Handlungsfelder.
So wuchs die Idee, aus Ark weit mehr zu machen: Mit dem Ark Operating System soll langfristig ein digitales Betriebssystem für moderne Verwaltungen entstehen – datenbasiert, effizient und bürgernah. Mit dem Ziel, nicht nur Entscheidungen besser zu planen und umzusetzen, sondern Menschen auch wieder zu einem demokratischeren Wahlverhalten zu motivieren.
Munich Startup: Was sind Deine 3 liebsten Arbeitstools?
Ruth Bosse: Was mir in der Arbeit bei Ark besonders wichtig ist: Jede/r trägt viel Verantwortung und arbeitet selbstbestimmt. Um den Überblick zu behalten, helfen mir drei Tools ganz besonders:
- Asana: Unterstützt mich dabei, klar zu priorisieren und die richtigen Aufgaben zur richtigen Zeit zu verfolgen. Es hilft, fokussiert zu bleiben und schnell voranzukommen – besonders wichtig bei hoher Eigenverantwortung und engem Timing.
- Notion: Unser zentrales Wissens- und Content-Tool. Es ermöglicht strukturierte, aber flexible Zusammenarbeit – egal ob bei internen Leitfäden, Produktdokumentationen oder Texten für KundInnen.
- ChatGPT: Nutze ich täglich für schnellen Input, zum Sparring bei Inhalten, ersten Research oder um Ideen und Texte zu strukturieren.
Ruth Bosse: Persönliche Perspektiven
Munich Startup: Dein Top-Tipp zum Thema “Pitchen”?
Ruth Bosse: Wirklich zu verstehen, wo das Gegenüber gerade steht. Was treibt sie oder ihn aktuell um? Welche persönlichen Interessen, Vorbehalte oder Fragen könnten im Raum stehen? Dabei ist wichtig, realistisch zu bleiben: Wir sind tief im Thema, das Gegenüber oft nicht. Wer eigenes Geld investiert, stellt zu Recht kritische Fragen. Und wenn der Gesprächspartner gerade aus einem intensiven Termin kommt, dann ist es vermutlich das Beste, zu Beginn Raum zu geben, statt sofort loszulegen.
Munich Startup: Erscheint es Dir gerade als eine gute Zeit, um zu gründen? Warum?
Ruth Bosse: Wir sehen aktuell viel Bewegung im öffentlichen Sektor, in Verwaltung, Politik und Staatsmodernisierung: In die Digitalisierung kommt Schwung – ein gutes Beispiel ist das neu geschaffene Digitalministerium. Auch werden immer mehr Zugänge für Startups geschaffen, etwa durch die Anhebung von Vergabegrenzen für Aufträge. Gleichzeitig ist und bleibt der Klimaschutz eines der zentralen gesellschaftlichen und politischen Themen von heute. Insofern sind wir als Climate- & GovTech-Startup schon an der richtigen Stelle.
Durch kommunalpolitisches Engagement konnten wir diese Entwicklungen früh erkennen und mitdenken – und haben so das Momentum genutzt, bevor diese GovTech-Welle, wie wir sie beispielsweise auch in den USA gerade sehen, bei uns richtig ins Rollen kam. Jetzt ist genau der richtige Zeitpunkt, um mit digitalen, lösungsorientierten Ansätzen gemeinsam mit dem öffentlichen Sektor in die Zukunft zu gehen.
Munich Startup: Auf welche Technologie oder Branche würdest Du bei Deiner nächsten Gründung setzen?
Ruth Bosse: Ich finde Frauengesundheit wahnsinnig relevant und würde hier gerne etwas voranbringen. Es ist erstaunlich, wie wenig Forschung in die Gesundheit von Frauen fließt. Obwohl wir 50 Prozent der Bevölkerung ausmachen, gelten wir oft als Nische. Für viele Krankheitsbilder wie Endometriose, PMS oder starke Periodenschmerzen gibt es kaum fundiertes Wissen – und noch weniger wirksame Lösungen.
Mehr Fokus auf Problemorientierung
Munich Startup: Was könnte aus Deiner Sicht am Gründungsstandort München noch verbessert werden?
Ruth Bosse: München ist grundsätzlich ein sehr guter Standort zum Gründen – die Szene ist groß, gut vernetzt und zieht viele motivierte BerufseinsteigerInnen an, die Lust auf Startups haben. Was aus meiner Sicht noch stärker in den Fokus rücken sollte, ist die Problemorientierung: Ich habe oft den Eindruck, dass es manchen eher darum geht, „ein Startup zu gründen“, statt ein konkretes, relevantes Problem wirklich lösen zu wollen. Wenn wir mehr GründerInnen dazu ermutigen, vom Problem her zu denken, könnten hier noch deutlich wirksamere Lösungen entstehen.
Munich Startup: Welchen Gründer oder welche Gründerin würdest Du gerne einmal persönlich treffen? Und was würdest Du sie oder ihn fragen?
Ruth Bosse: Meinen Großvater. Er hat 1983 eine eigene Firma gegründet, die Maschinen für den Zeitungsdruck weltweit verkauft hat. Leider ist er gestorben, als ich noch ein kleines Kind war. Ich hätte ihn gerne gefragt, wie es war, ein Unternehmen zu gründen, als noch niemand den Begriff “Startup” kannte – und mir ein paar Dinge von ihm abgeschaut.