Munich Startup: Was macht Euer Startup? Welches Problem löst Ihr?
Tobias Klug, Co-Founder & CEO NuuEnergy: Kurz gesagt ist unser Ziel: Wärmepumpen als Systemlösung statt Chaos-Baustelle. Mit der Wärmepumpe kann man schnell und wirkungsvoll CO2 einsparen – und zwar ohne Verzicht auf Komfort wie beim Fliegen oder Essen. Das macht sie zu einem der größten Hebel der Energiewende und im Kampf gegen den Klimawandel. Das Problem: In Deutschland ist es aktuell wahnsinnig schwer, so ein Projekt sauber umzusetzen. Es gibt aggressive Anbieter, überforderte Handwerksbetriebe, null Orientierung für Hausbesitzer – und obendrauf einen massiven Fachkräftemangel, der durch Bürokratie und nervige Prozesse nur noch schlimmer wird. Aktuell ist es für viele Hausbesitzer ein Kraftakt, überhaupt jemanden zu finden, der sich kümmert. Die Baustellen sind oft chaotisch, die Beratung lückenhaft, das Vertrauen fehlt.
Deshalb bauen wir eigene regionale Fachbetriebe auf, die mit unserer digitalen Infrastruktur – bestehend aus Automatisierung, KI und Prozessstandardisierung – ganz neue Effizienzgrade erreichen. Dabei setzen wir auf Qualität, Kundennähe und Regionalität. Dieses Zusammenspiel ist unserer Meinung nach die einzige skalierbare Lösung mit hoher operativer Qualität und echter Kundennähe. Wir glauben also nicht nur an Technologie. Sondern wir glauben an Menschen, die mit Technologie besser arbeiten können.
„Wärmepumpen sind kein E-Commerce-Produkt“
Munich Startup: Aber das gibt’s doch schon längst!
Tobias Klug: Da würde ich widersprechen: Unser Modell ist bislang einzigartig. Wir bauen systematisch Fachbetriebe auf, die operativ exzellent arbeiten und gleichzeitig über eine zentrale Plattform aus Technologie, Daten und Standardisierung profitieren. Ja, der Wärmepumpenmarkt ist riesig, und es gibt viele Modelle, aber die meisten davon sind ineffiziente Teillösungen. Fast niemand denkt das Thema zu Ende. Viele verkaufen über aggressives Marketing und hoffen dann, dass sich „hintenrum“ schon jemand vor Ort kümmert. Aber da ist niemand, wenn man niemanden aufgebaut hat. Wärmepumpen sind kein E-Commerce-Produkt, sie funktionieren nur mit Expertise vor Ort.
Wir haben früh verstanden: Ohne das Handwerk geht’s nicht. Wir bauen das System für das Handwerk – nicht gegen oder an ihm vorbei. Unser Ziel ist deshalb nicht der schnelle Verkauf, sondern ein Netzwerk regionaler Betriebe, die langfristig für ihre Kunden da sind. Das ist eine andere Kategorie – operativ und kulturell. Irgendwie über Online-Marketing und Sales-Tricks Wärmepumpen zu verkaufen, das können viele. Aber ein ganzheitliches System aufzubauen, in dem Fachkräfte auch in 20 Jahren noch mit Überzeugung vor Ort arbeiten – und das Ganze skalierbar zu machen – das ist eine ganz andere Hausnummer.
Munich Startup: Was ist Eure Gründungsstory?
Tobias Klug: Julia und ich haben beide schon vorher Gründungserfahrung gesammelt und zeitweise auch gemeinsam bei einem Venture Builder gearbeitet. Außerdem hatten wir beide auch Stationen in Startups, aber auch Erfahrungen im Mittelstand. Der Antrieb zum Gründen war für uns, dass wir unsere Lebenszeit gerne in etwas stecken möchten, dass bleibt und Sinn stiftet.
Was uns beim Thema Wärmepumpe dann wirklich gepackt hat, ist die menschliche Dimension: Baustelle trifft Büro. Zwei Welten, die oft aneinander vorbeireden und die wir gerne zusammenbringen wollen. Also haben wir 2023 gekündigt und erst einmal zugehört. Wir haben extrem viele User-Interviews geführt – mit Kunden, Handwerkern, Lieferanten und so weiter. Dabei haben wir die volle Komplexität des Themas überhaupt erst erkannt – aber auch, wie viel Potenzial in dem Markt steckt.
2024 ging es dann mit unserem ersten Betrieb in München los. Das war eine echte Achterbahnfahrt – mitten in der Heizungsdebatte. Trotz aller Turbulenzen war das Timing für uns strategisch wertvoll: Wir konnten in einem hochdynamischen Umfeld validieren, lernen und sehr robuste Prozesse aufbauen. Diese Mischung aus operativer Erfahrung und systematischem Lernen ist heute unser Fundament. Da hilft uns sicher auch der Background aus dem Venture Building – mit dem Fokus darauf, kontinuierlich Learnings zu sammeln und in Retrospektiven auszuwerten. Oder anders gesagt: Du lernst Sales dann am besten, wenn Verkaufen gerade am schwersten ist.
Von Bürokratie bis Fachkräftemangel: Die härtesten Nüsse für NuuEnergy
Munich Startup: Was waren bisher Eure größten Herausforderungen?
Tobias Klug: Hiring war – wie wohl bei fast allen – eine steile Lernkurve, aber mittlerweile haben wir ein wirklich exzellentes, eingeschworenes Team. Die Bürokratie ist teilweise absurd, ich habe immer wieder Tage, an denen ich kaum glauben kann, was da so alles anfällt.
Außerdem kämpfen wir täglich gegen die Desinformationskampagnen der fossilen Industrie und die Unsicherheit, die zum Teil auch politisch gesät wird. Wir stellen uns dem aber gerne mit Fakten entgegen und übrigens auch mit wachsendem Rückhalt im Markt.
Was Investoren und Unternehmer, die eher aus der Online- oder reinen Softwarewelt kommen, oft unterschätzen, ist wie prozesslastig die Baubranche ist und wie viele Abhängigkeiten es von Dritten gibt, vom Lieferanten bis zur Müllentsorgung. Da haben wir auf jeden Fall so einige Nüsse knacken müssen. Aber gleichzeitig liegt dann in diesen Prozessen das riesige Potential, denn genau da passiert die Wertschöpfung.
Auf der Lieferantenseite sind wir zum Beispiel durch digitale Prozesse, Standardisierung und auch Verhandlung heute deutlich resilienter als zu Beginn – ein Vorteil, der sich mit jedem weiteren Standort verstärkt.
Munich Startup: Wo möchtet Ihr in einem Jahr stehen, wo in fünf Jahren?
Tobias Klug: In einem Jahr ist unsere digitale Infrastruktur durchentwickelt und skalierbar – mit einem klaren Fokus auf End-to-End-Prozessoptimierung und KI-gestützte Prozesse.
Wir haben bereits sehr viele Prototypen und MVPs für alle relevanten Prozessschritte gebaut und sind jetzt schon extrem stark darin, KI sinnvoll einzusetzen. Vieles davon hat Julia selbst entwickelt – da stecken unzählige Extraschichten drin. Jetzt möchten wir mehr Power im Produktteam aufbauen und hier nochmal eine Schippe drauflegen. Wie schon erwähnt: Man kann in unserer Branche unglaublich viel Wertschöpfung erzielen, wenn wirklich jeder Prozess end-to-end durchoptimiert ist. Und dafür reicht es eben nicht, nur Software zu bauen – es braucht standardisierte Abläufe, Material-Standards und vor allem KI an den richtigen Stellen.
In fünf Jahren wollen wir in jeder relevanten Region Deutschlands mit einem regionalen Betrieb vertreten sein. Das bedeutet: Jeder in Deutschland hat die Möglichkeit, eine hochwertige Wärmepumpenplanung und -installation von einem NuuEnergy-Betrieb zu erhalten – und der ist maximal eine Stunde entfernt.
München: Qualität rechtfertigt die Kosten
Munich Startup: Wie habt Ihr den Startup-Standort München bisher erlebt?
Tobias Klug: München ist definitiv im Aufwind – das merkt man beim Talentpool genauso wie bei Investoren. Wir sind eng mit der TUM verbunden und machen regelmäßig Projektarbeiten mit Studierenden – das macht richtig Spaß. Klar: München ist kostenintensiv, vor allem bei Gehältern, aber auch bei Büroflächen. Aber die Qualität rechtfertigt das komplett. Vor allem im hardwarenahen Bereich ist die Stadt strategisch der richtige Standort.
Munich Startup: Hidden Champion oder Shooting Star?
Tobias Klug: Ganz klar: Hidden Champion. Wir konzentrieren uns darauf, Substanz zu schaffen, nicht Schlagzeilen. Unsere Pre-Seed-Runde haben wir bewusst erst spät öffentlich gemacht – weil wir zuerst ein funktionierendes System aufbauen wollten. Unsere Kunden sind ohnehin nicht auf LinkedIn. Wir feiern intern am meisten, wenn ein Kunde sagt: „Das war richtig gut.“ Oder wenn ein Handwerker bei uns bleibt, obwohl er andere Angebote bekommt.
Aber: Shooting Star der Regionalzeitungen wären wir schon gerne. Zudem möchten wir als Inspiration wirken, vor allem für Frauen in der Energie- und Handwerksbranche. In dem Markt steckt unglaublich viel Sinn und Raum zur Selbstverwirklichung – das sichtbar zu machen, ist Teil unserer Mission.