Munich Startup: Was macht euer Startup? Welches Problem löst ihr?
Oliver Porwol, Projektmanager: Mpiriq baut eine KI-gestützte Infrastruktur, die die tägliche Versorgung mit der medizinischen Forschung verbindet. In Praxen und Kliniken entsteht jeden Tag enormes Wissen, aber es bleibt oft in unterschiedlichen Systemen und Dokumenten fragmentiert und ist damit schwer nutzbar. Wir strukturieren medizinische Informationen, automatisieren Dokumentation und erzeugen standardisierte Datensätze, die verantwortungsvoll und regelkonform für Forschung genutzt werden können. So wird aus Versorgung ein kontinuierlicher Erkenntniskreislauf, der Forschung und Innovation beschleunigt, ohne den Praxisalltag zusätzlich zu belasten.
Munich Startup: Aber das gibt’s doch schon längst!
Oliver Porwol: Es gibt Datenplattformen, Register und Studiennetzwerke. Der Unterschied liegt in der Umsetzung: Mpiriq macht Datenpools und Patientenpopulationen zugänglich, die bislang kaum oder nur äußerst kompliziert erreicht wurden, und das ohne zusätzlichen Aufwand im Praxisalltag. Dafür kombinieren wir KI-gestützte Strukturierung mit sicherer Datenverschlüsselung und einem transparenten, klar geregelten Datenaustausch. Das Ergebnis ist keine weitere Einzellösung, sondern eine Infrastruktur, die Versorgung und Forschung miteinander verbindet und so die wissenschaftliche Basis für bessere Medizin von morgen schafft.
Versorgungslücke als Antrieb
Munich Startup: Was ist eure Gründungsstory?
Oliver Porwol: Mpiriq entstand aus einer klaren Versorgungslücke: Während klinische Studien meist an großen Kliniken stattfinden, wird die Mehrheit der PatientInnen ambulant behandelt. Genau dort bleiben jedoch wertvolle Daten für die Forschung oft unzugänglich. Markus Haug und Florian Schröder erkannten früh, dass wissenschaftlicher Fortschritt häufig an fragmentierten Informationen in Praxisverwaltungssystemen scheitert. Nach zwei Jahren Vorarbeit gründeten sie Mpiriq im Frühjahr 2024, um diese Schnittstelle zu besetzen.
Die Infrastruktur dockt im Hintergrund an die Praxissoftware an, ohne den Betrieb zu stören. Mpiriq identifiziert passende Studien über Register und übernimmt per KI das Vorscreening nach Ein- und Ausschlusskriterien. Statt aufwendiger manueller Suche erhalten ÄrztInnen strukturierte Vorschlagslisten und Patienteneinblicke. So können sie sich voll auf die medizinische Behandlung und das Patientengespräch konzentrieren.
Heute vereint das Team die entscheidenden Expertisen: Medizin, Data Science und Plattform-Skalierung. Markus Schuler bringt die wissenschaftliche Perspektive ein, Florian Schröder die technologische Umsetzung und Markus Haug den Aufbau und die Skalierung. Dabei stehen ein spürbarer Alltagsnutzen und höchste Datensicherheit an oberster Stelle.
Munich Startup: Was waren bisher eure größten Herausforderungen?
Oliver Porwol: Die größte Herausforderung ist Vertrauen. Im Umgang mit Gesundheitsdaten reicht technische Machbarkeit nicht aus. Es braucht klare Prozesse, Compliance, Transparenz und einen Umgang, der nachvollziehbar und überprüfbar bleibt. Genau deshalb sind Integrität, Klarheit und Zusammenarbeit für uns zentral – nicht aus Vermarktungsgründen, sondern als Produktanforderung von uns selbst.
Die zweite Herausforderung ist die Realität und die Anwendbarkeit bzw. Umsetzbarkeit in der Versorgung: heterogene Systeme, unstrukturierte Befunde, hoher Zeitdruck und eine ohnehin hohe Dokumentationslast. Unsere Lösung muss in diese Umgebung passen, ohne neue Komplexität zu schaffen. Wir messen uns daran, ob der Nutzen im Alltag wirklich spürbar ist: weniger Zeit für Datensuche und Dokumentation, mehr Zeit für PatientInnen und gleichzeitig bessere Voraussetzungen für Forschung und Studien.
Langfristige Infrastruktur etablieren
Munich Startup: Wo möchtet ihr in einem Jahr stehen, wo in fünf Jahren?
Oliver Porwol: In einem Jahr wollen wir deutlich mehr Praxen und Kliniken produktiv angebunden haben und zeigen, dass unser Ansatz messbar entlastet. Gleichzeitig wollen wir aktiv verschiedenste Forschungs- und Pharma-Projekte umgesetzt haben, bei denen Patientenselektion und Datennutzung schneller, präziser und regelkonform funktionieren.
In fünf Jahren wollen wir eine nicht mehr wegdenkbare KI-gestützte Infrastruktur geschaffen haben, die Versorgung und Forschung kontinuierlich verbindet. Unsere Vision besteht darin, ein Ökosystem zu entwickeln, in welchem strukturierte Daten aus dem klinischen Alltag Therapien schneller voranbringen und Behandlungsergebnisse verbessern.
Munich Startup: Wie habt ihr den Startup-Standort München bisher erlebt?
Oliver Porwol: München ist für uns ein idealer Standort, weil hier Health, Tech und Talent auf engem Raum zusammenkommen. Gerade aus der Talentperspektive ist das ein großer Vorteil: Die Nähe zur TUM und zum Münchner Forschungsumfeld gibt uns Zugang zu modernstem Wissen und zu jungen, hochmotivierten Menschen, die Technologie nicht nur verstehen, sondern wirklich anwenden wollen.
Für uns ist diese Kombination entscheidend: hohe Qualitätsansprüche, ein starker Zukunftsfokus und gleichzeitig ein Umfeld, das Deeptech und verantwortungsvolle Innovation ermöglicht. Genau das passt zu unserem Anspruch, im regulierten Gesundheitsbereich langfristig zu bauen und sauber zu skalieren.
Munich Startup: Hidden Champion oder Shooting Star?
Oliver Porwol: Hidden Champion in der Umsetzung, weil Infrastruktur im besten Fall unsichtbar bleibt. Sie läuft im Hintergrund und macht Prozesse verlässlicher, schneller und einfacher. Genau das ist unser Anspruch: Versorgung nicht zu stören, sondern spürbar zu entlasten und gleichzeitig Forschung zu ermöglichen.
Shooting Star in der Wirkung, weil wir überzeugt sind, dass aus Real-World-Patientendaten reale Effekte entstehen können: schnellere Erkenntnisse, präzisere Studienstarts, früherer Zugang zu innovativen Therapien. Wenn Versorgung und Forschung sinnvoll verknüpft werden, profitieren am Ende alle: Praxen, Kliniken, Forschung und vor allem die PatientInnen.