Munich Startup: Was macht euer Startup? Welches Problem löst ihr?
Jan Bussiek, Geschäftsführer Sustaynr GmbH: Bürostühle, Computer, Klebebänder, Müllsäcke, Textmarker, usw. werden jedes Jahr millionenfach gekauft. Oft haben Käufer die Wahl zwischen Hunderten oder sogar Tausenden von ähnlich aussehenden Artikeln. Trotz der ehrlichen Absicht, nachhaltig zu beschaffen, und trotz der Milliarden, die weltweit für Standardprodukte ausgegeben werden, spielt Nachhaltigkeit kaum eine Rolle im Auswahlprozess von Standardprodukten. Nicht, weil nachhaltigere Produkte mehr kosten würden – das tun sie regelmäßig nicht. Sondern weil die Schaffung von Transparenz zu diesem Aspekt sehr hohen Bürokratieaufwand verursacht: Für ein Benchmarking müssen nicht nur zur Warengruppe passende Bewertungskriterien erarbeitet, sondern es müssen auch zu jedem Produkt entsprechende Nachhaltigkeitsdaten erhoben werden. Das ist prohibitiv aufwendig, wenn es jeder für sich selbst machen muss.
Sustaynr ist eine Rating-Agentur, die – getreu dem Motto „einer für alle“ – produktbezogene Nachhaltigkeitsdaten bereitstellt, mit deren Hilfe Einkaufende besser informiert entscheiden können, was sie kaufen. Unser Kernprodukt ist der ESG Score – ein normiertes Maß, das die Nachhaltigkeit von Produkten objektiv vergleichbar macht. In digitalen Katalogen lässt sich damit wie nach Preis nach Nachhaltigkeit sortieren. Auf unserer Webseite können KundInnen außerdem in kategoriespezifischen Bestenlisten recherchieren, um überhaupt erst einmal marktführend nachhaltige Produkte zu identifizieren.
Warum der ESG Score einzigartig ist
Munich Startup: Aber das gibt’s doch schon längst!
Jan Bussiek: Nein, es gibt tatsächlich noch keine normierte Kennzahl, nach der sich die Nachhaltigkeit von Produkten vergleichen lässt wie ihr Preis nach dem Betrag in Euro. Was dem ESG Score am nächsten kommt, sind Gütezeichen, mit denen Produkte beispielsweise als umweltverträglich gekennzeichnet werden. Die stoßen jedoch an gläserne Decken: Erstens sind sie binär – es gibt nur „ja, umweltfreundlich“ oder „nein, nicht zertifiziert“. Das bedeutet, sie können genau die metrischen Kriterien (CO₂, Rezyklat-Anteil) nicht abbilden, die für Nachhaltigkeit entscheidend sind. Zweitens funktionieren sie nicht kategorieübergreifend, weshalb es unzählige Labels gibt und es damit für Einkaufende schwierig bis unmöglich wird, einfach und effizient zu arbeiten.
Die Lösung lag beim Edeka um die Ecke
Munich Startup: Was ist eure Gründungsstory?
Jan Bussiek: Bevor ich im September 2022 ESG-Score.org gegründet habe, war ich bei Unite Mercateo, einem führenden B2B-Marktplatz, für das Sortimentsmanagement verantwortlich. Das beinhaltete auch die Aufgabe, dafür zu sorgen, dass Einkaufende zu den Produkten jeweils genau die Informationen vorfinden, die sie benötigen, um gut informiert eine Auswahl zu treffen. Na ja, es war bei uns nicht anders als in all den anderen Online-Shops: Ich kann Produkte gefühlt nach jeder Farbschattierung sortieren, aber wenn ich wissen möchte, wie unterschiedlich nachhaltig sie sind, ist da gähnende Leere. Das hat mich getriggert, weil es so einfach nicht sein kann und erst recht nicht bleiben darf. Auf die Lösung bin ich beim Edeka zu Hause um die Ecke gekommen: Da waren die Müslis und alle möglichen Lebensmittel aus anderen Kategorien mit dem Nutriscore gekennzeichnet, und ich hätte sie jeweils im Regal nach dem Nutriscore sortieren können. Unser ESG Score ist quasi der Nutriscore für die Kennzeichnung der Nachhaltigkeit von Produkten – nur dass unsere Skala von 0 bis 100 geht und nicht von A bis E.
Herausforderungen und Wachstumsstrategie
Munich Startup: Was waren bisher eure größten Herausforderungen?
Jan Bussiek: Die erste große Herausforderung war, ein Scoring-Framework zu entwickeln, das wissenschaftlich fundiert einen Score berechnet, der das vielschichtige Thema Nachhaltigkeit eines Produktes in einem einfachen Zahlenwert ausdrückt. Da haben wir verschiedene Ansätze verprobt und sind mit Unterstützung z. B. vom Wuppertal Institut und Öko-Institut ans Ziel gelangt. Die zweite Herausforderung war, eine technische Plattform aufzusetzen, die riesige Mengen von Nachhaltigkeitsdaten verarbeitet und daraus für Millionen von Produkten ESG Scores berechnet sowie jeweils auf einzelnen Landingpages komplett transparent Scoring-Kriterien und Nachhaltigkeitsdaten zugänglich macht.
Jetzt sind wir in der nächsten Phase: Es gilt, gleichzeitig die Produktabdeckung zu skalieren und weitere zahlende Kunden zu gewinnen, um unsere laufenden Kosten zu refinanzieren und unabhängig von InvestorInnen zu werden. Unsere Strategie ist übrigens, dass viele Kunden – seien es Einkaufsabteilungen von Unternehmen, Beschaffungsstellen öffentlicher Verwaltungen oder Online-Shops – eine vergleichsweise kleine jährliche Abogebühr bezahlen, damit sie mithilfe der ESG-Score-Daten besser informiert entscheiden können.
Wachstum, Kunden und Standort München
Munich Startup: Wie laufen die Geschäfte?
Jan Bussiek: Wir sind in den letzten drei Jahren von 50.000 auf 300.000 und zuletzt 1,2 Millionen gescorte Produkte gewachsen – mit inzwischen drei Großkonzernen, über 400 öffentlichen Verwaltungen und sieben Online-Shops bzw. Procurementlösungen, die unsere Services nutzen. Wir wollen in einem Jahr fünf und in fünf Jahren 50 Millionen Produkte abdecken. Zur Einordnung: Allein einer unserer Großkonzernkunden hat in seinen internen Einkaufskatalogen 20 Millionen Produkte gelistet, zu denen heute komplett intransparent ist, wie unterschiedlich nachhaltig sie sind.
Munich Startup: Wie habt ihr den Startup-Standort München bisher erlebt?
Jan Bussiek: München ist zuallererst einmal ein Ort mit ganz viel Lebensqualität. Und wer so viele Stunden arbeitet wie wir, dem tut das dann schon sehr gut. Aus München kommen aber auch viele unserer ersten tollen Kunden, die unsere Sache großartig unterstützen. Ein global führender Mischkonzern, eine riesige Versicherung, die Stadt München selbst – alle zählen zu unseren Kunden.
Standardisierung als Schlüssel zur Glaubwürdigkeit
Munich Startup: Outsourcen oder selber machen?
Jan Bussiek: Selber machen ist in diesem Fall keine Alternative. Das wäre so, als würden sich Kunden im Supermarkt einen eigenen Nutriscore zu den einzelnen Lebensmitteln berechnen, bevor sie kaufen – das ist nicht leistbar. Oder so, als wenn Supermärkte jeweils die Gesundheit von Lebensmitteln mit ihrem eigenentwickelten Score kennzeichnen würden – auch nicht ausreichend kosteneffizient und vor allem wenig glaubwürdig. Die Magie liegt im übergreifend genutzten Standard in bester deutscher Ingenieurtradition von DIN & Co.