Munich Startup: Was macht Euer Startup? Welches Problem löst Ihr?
Prof. Dr. Marie-Nicole Theodoraki, Gründerin und CEO von Bioexotec: Stellen Sie sich vor, Krebs ließe sich entdecken, bevor er gefährlich wird – noch bevor Symptome auftreten. Genau das macht Bioexotect möglich: mit einem neuen Test, der Krebs bereits im allerersten Stadium erkennt, wenn die Heilungschancen noch bei über 90 Prozent liegen. Heute wird Krebs in der Regel erst in Stadium 4 entdeckt, wo die Überlebensrate auf nur noch 50 Prozent sinkt.
Die Grundlage für unseren Test sind sogenannte Exosomen: winzige Teilchen, die jede Zelle in unserem Körper abgibt. Sie transportieren Informationen darüber, was in Geweben oder Tumoren gerade passiert, wie eine Art körpereigener Nachrichtendienst. Unser Team hat eine Methode entwickelt, diese Exosomen aus Blut oder Speichel zu analysieren und daraus frühzeitig Hinweise auf Tumore zu gewinnen.
Der Test ist dabei nicht nur auf Früherkennung beschränkt, sondern kann in Zukunft auch helfen, Biopsieoperationen zu ersetzen und die Nachsorge zu verbessern: schnell, günstig, schmerzfrei und hochpräzise. Damit will Bioexotec eine Lücke schließen, die klassische Biomarker bisher nicht füllen konnten: Ein Test zur zuverlässiger Früherkennung und möglichst geringer Belastung für die Patientinnen und Patienten.
Ziel: Krebserkennung in Stadium 1
Munich Startup: Aber das gibt’s doch schon längst!
Prof. Dr. Marie-Nicole Theodoraki: Nicht ganz. Zwar wird in der Krebsforschung seit einigen Jahren an sogenannten „Liquid Biopsies“ gearbeitet – also Tests, die Krebs aus Blutproben erkennen sollen. Die meisten dieser Ansätze konzentrieren sich allerdings auf frei im Blut zirkulierende Tumor-DNA (ctDNA) oder vereinzelte Tumorzellen (CTCs). Der Haken dabei: Diese Verfahren erkennen Krebserkrankungen meist erst dann, wenn der Tumor schon weit fortgeschritten ist. Und sie funktionieren nicht zuverlässig bei allen Krebsarten.
Unser Ansatz setzt deutlich früher an. Wir analysieren sogenannte Exosomen – das sind winzige Partikel, die selbst kleinste Tumore bereits im Frühstadium gezielt ins Blut oder in den Speichel abgeben. Sie enthalten dabei nicht nur DNA, sondern auch Proteine, RNA und andere Biomoleküle, die uns ein viel vollständigeres Bild liefern.
Damit gelingt es uns, Krebs deutlich früher und präziser zu erkennen, oft schon in Stadium 1. Für viele Patienten bedeutet das: viel größere Heilungschancen und deutlich weniger belastende Therapien. Wir schließen damit eine zentrale diagnostische Lücke, die andere Verfahren bisher nicht füllen konnten.
Munich Startup: Was ist Eure Gründungsstory?
Prof. Dr. Marie-Nicole Theodoraki: Manchmal beginnt eine Idee im Labor und wird durch ein persönliches Erlebnis zur Lebensaufgabe. So war es bei mir: Während meiner Zeit als Postdoc in Pittsburgh (USA) kam ich zum ersten Mal mit einem damals noch kaum erforschten Thema in Berührung: Exosomen. Ich war sofort fasziniert von ihrem Potenzial für die Medizin.
Zur selben Zeit erhielt mein Großvater eine Krebsdiagnose – leider zu spät. Er starb an der Erkrankung. Die Frage, ob man den Krebs früher hätte erkennen können, ließ mich nicht mehr los. Zurück in Deutschland nahm ich mir vor, genau das möglich zu machen: einen Weg zu finden, Krebs so früh wie möglich zu entdecken.
2019 kam Linda als Doktorandin dazu und das Projekt nahm Fahrt auf. Gemeinsam entwickelten wir eine patentierte exosomale Signatur, also ein molekulares Muster, das den Kern der heutigen Diagnostikplattform bildet. Tobias war von Anfang an dabei, um den Weg in die klinische Anwendung und durch die regulatorischen Hürden zu begleiten. Gaby vervollständigte das Team schließlich als erfahrene Unternehmerin, die das wirtschaftliche Know-how beisteuert.
Heute bündelt das Team von Bioexotec medizinisches, wissenschaftliches und unternehmerisches Fachwissen mit einem gemeinsamen Ziel: Krebs so früh erkennen zu können, dass er heilbar wird.
Größte Herausforderung: Weg der Zulassung
Munich Startup: Was waren bisher Eure größten Herausforderungen?
Prof. Dr. Marie-Nicole Theodoraki: Die größte Hürde für das Team von Bioexotec war wie so oft in der Medizintechnik nicht die Technologie, sondern der Weg zur Zulassung. Denn wer bei der Entwicklung eines medizinischen Diagnostiktests nicht von Anfang an die richtigen regulatorischen Schritte mitdenkt, riskiert massive Verzögerungen, manchmal von mehreren Jahren.
Gerade am Anfang war es schwierig, sich im komplexen Geflecht aus Zulassungsvorgaben, klinischer Validierung und Erstattungsregeln zurechtzufinden. Wer ist überhaupt wofür zuständig? Welche Unterlagen braucht man wann? Und wie plant man so, dass der Test am Ende auch von den Krankenkassen übernommen werden kann?
Dieser Prozess hat rund zwei Jahre in Anspruch genommen. In dieser Zeit hat das Team nicht nur die medizinische Idee vorangetrieben hat, sondern sich parallel ein Netzwerk aus erfahrenen regulatorischen Experten und Partnern aufgebaut hat. Heute ist diese strategische Basis ein zentraler Baustein für den Marktzugang.
Ein besonders großer Meilenstein: Acht deutsche Universitätskliniken haben bereits schriftlich zugesagt, den Test im klinischen Alltag einzusetzen. Ein Vertrauensbeweis – und ein wichtiger Schritt in Richtung bessere Versorgung.
Munich Startup: Wo möchtet Ihr in einem Jahr stehen, wo in fünf Jahren?
Prof. Dr. Marie-Nicole Theodoraki: Heute läuft unser Test für Kopf-Hals-Karzinom bereits in einem klinischen Labor. In einem Jahr soll unser Krebsfrüherkennungstest so weit vereinfacht und standardisiert sein, dass er in jedem kommerziellen Labor zuverlässig eingesetzt werden kann.
Parallel dazu werten wir die Daten einer großen klinischen Studie mit über 700 Patientinnen und Patienten aus – ein zentraler Meilenstein für die klinische Validierung und spätere Zulassung. Und: Wir arbeiten daran, den Test auf weitere vier Krebsarten auszuweiten.
In fünf Jahren wollen wir am Markt etabliert sein mit einem zugelassenen Test für Kopf-Hals-Karzinome und einer Pipeline weiterer Tests für andere Tumorarten. Unser langfristiges Ziel: Krebs so früh erkennen, dass er heilbar bleibt. Dazu gehört auch unser Speicheltest, der direkt in der Arztpraxis einsetzbar sein wird: schnell, einfach und nah am Patienten. Die erste klinische Studie dafür ist dann bereits abgeschlossen.
Wir wollen die Krebsfrüherkennung aus dem Labor näher an die Lebensrealität der Menschen bringen: schnell, präzise, kostengünstig und zugänglich.
München als Katalysator für Innovation
Munich Startup: Wie habt Ihr den Startup-Standort München bisher erlebt?
Prof. Dr. Marie-Nicole Theodoraki: Für uns ist München mehr als nur ein schöner Ort zum Arbeiten. Es ist ein echter Katalysator für Innovation. Hier trifft Spitzenforschung auf Unternehmergeist, und genau das hat uns bei der Gründung von Bioexotec enorm geholfen.
Die Nähe zu führenden Universitätskliniken, die exzellente Forschungslandschaft sowie der Zugang zu Investoren, Biotech-Startups und etablierten Unternehmen bieten ein ideales Umfeld, um aus wissenschaftlichen Ideen marktfähige Produkte zu entwickeln. Besonders wichtig war für uns die Unterstützung durch Programme wie Baystartup, die TU München und das UnternehmerTUM: hier wird Gründergeist nicht nur gefördert, sondern aktiv gelebt.
Was München besonders macht: Hier ist alles nah. Man kann sich spontan mit wichtigen Kontakten zum Kaffee treffen, persönliche Beziehungen aufbauen und Themen direkt klären, ohne stundenlange Bahnreisen oder endlose Zoom-Calls. Diese Dichte und Offenheit der Münchner Startup-Szene ist ein echter Standortvorteil, den man nicht unterschätzen sollte.
„In der Medizin gilt: Wer etwas bewegen will, braucht Geduld.“
Munich Startup: Schneller Exit oder langer Atem?
Prof. Dr. Marie-Nicole Theodoraki: In der Medizin gilt: Wer etwas bewegen will, braucht Geduld – und genau das bringen wir mit. Ein schneller Exit steht für uns nicht im Vordergrund. Wir arbeiten seit fast zehn Jahren an der Exosomenforschung und wissen, dass echte Innovation in der Diagnostik Zeit, Validierung und Sorgfalt braucht.
Unser Ziel ist es, eine nachhaltige, klinisch verankerte Lösung für die Krebsfrüherkennung zu etablieren – nicht nur für heute, sondern auf lange Sicht. Wir möchten, dass unser Test fester Bestandteil der medizinischen Versorgung wird und wirklich bei den Patienten ankommt. Dafür sind wir bereit, den langen Weg zu gehen – auch wenn regulatorische Verfahren in der Diagnostik oft Jahre dauern.
Aber: Uns geht es nicht ums Prinzip, sondern ums Ergebnis. Wenn ein früher Exit (zum Beispiel an einen großen Pharmakonzern) sicherstellt, dass unser Test schneller weltweit verfügbar wird, würden wir diesen Weg in Erwägung ziehen. Entscheidend ist für uns, dass der Test nicht in der Schublade landet, sondern Menschenleben rettet. Dafür tun wir, was nötig ist.