Munich Startup: In unserem letzten Interview war Mentessa gerade als eine Matchmaking-App für Mentoring-Programme gestartet. Wie hat sich Eure Lösung weiterentwickelt?
Tina Ruseva, Gründerin und CEO Mentessa: Wir entwickeln seit mittlerweile fünf Jahren eine Technologie zur Skill-basierten Zusammenarbeit. 2019 sind wir in der Mentoring-Nische gestartet, da diese ein kleines Modell davon darstellt: Menschen auf Basis von Kompetenzen möglichst effizient und zielorientiert miteinander vernetzen. Mit der Lösung für das gleiche Problem bedienen wir mittlerweile eine Reihe weiterer Use-Cases, bei denen es aufs Gleiche rauskommt: voneinander zu lernen und miteinander zu arbeiten.
Diese Fähigkeit wird zentral für die Organisation der Zukunft sein, weil Arbeit immer interdisziplinärer, feingranularer und dezentraler wird – zum Beispiel durch die Gig-Economy, Automatisierung und Künstliche Intelligenz (KI). Mit unserem erheblichen Technologievorsprung ist Mentessa ein führender Lösungsanbieter für eine der größten Herausforderungen moderner Unternehmen: die Transformation der Arbeit.
Nicht nur High-tech, sondern High-human
Munich Startup: Warum?
Tina Ruseva: In vielen Unternehmen fehlt eine klare Übersicht über die vorhandenen Fähigkeiten der Belegschaft. Das führt zu Ineffizienz, ungenutzten Potenzialen und Frustration – sowohl auf individueller als auch auf Unternehmensebene. Gerade in einer Arbeitswelt, die zunehmend auf Zusammenarbeit und den Austausch von Wissen angewiesen ist, wird dies zum entscheidenden Erfolgsfaktor.
Die Herausforderung wird noch größer, wenn es darum geht, MitarbeiterInnen kontinuierlich weiterzubilden und Talente gezielt zu fördern. Ohne klare Einsicht in die vorhandenen Skills und Entwicklungsbedarfe entsteht eine Ungleichbehandlung in der Mitarbeiterentwicklung. Beispielsweise kann es passieren, dass Angestellte mit ähnlichen Entwicklungszielen unterschiedliche Unterstützungsangebote erhalten. Das beeinträchtigt die Chancengleichheit. Und das wiederum kann zu Unzufriedenheit und Kündigungen führen und wertvolle Chancen auf Innovationen und Wachstum verhindern.
Für uns gilt es, nicht nur die technischen Herausforderungen der Diagnostik und des Matchings zu lösen, sondern vor allem die organisatorischen und kulturellen. Wir befinden uns aktuell in der größten Transformation der Arbeit seit der Industrialisierung. Zum Glück sind viele Herausforderungen heute mit Software und KI lösbar. Dank Social-Learning kann man MitarbeiterInnen individuell und bedarfsorientiert entwickeln und gleichzeitig eine Dialogkultur schaffen, die auf Wissensaustausch und Zusammenarbeit basiert. Die Zeit ist reif.
Munich Startup: In dem Bereich gibt es viele Angebote. Was macht Ihr anders als die Konkurrenz?
Tina Ruseva: Natürlich gibt es hier viele Lösungsansätze. Upskilling ist schließlich eines der größten Themen für die Zukunft der Arbeit. Mentessa hebt sich hier durch den Social-Learning-Ansatz ab, wodurch gerade informelles Lernen und Unternehmenskultur unterstützt werden. Letztendlich lernen wir nur zehn Prozent in formellen Trainings und 90 Prozent durch Austausch, Beobachtung oder Shadowing. Dank eines KI-Assistenten ermöglicht Mentessa als einziger Anbieter eine ganzheitliche, kontinuierliche und personalisierte Personalentwicklung – ähnlich wie ein „Mentor bei der Arbeit“. Unser Ziel ist es, Transparenz zu schaffen und die Vernetzung von Wissen und Kompetenzen zu fördern – von der kollegialen Beratung bis hin zur strategischen Personalentwicklung.
Mentessa: Volles Potenzials der Angestellten erkennen
Das funktioniert so: Unsere KI-gestützte Plattform ermöglicht es MitarbeiterInnen, ihre Fähigkeiten, Ziele und Interessen einzubringen und darauf basierend passende Peers, Trainings oder Jobmöglichkeiten zu entdecken. Als eine Art Mentor liefert Mentessa personalisierte Vorschläge für die formelle Weiterbildung, soziales Lernen und den Wissensaustausch. Unsere Lösung unterstützt Unternehmen auch dabei, das volle Potenzial ihrer MitarbeiterInnen zu erkennen, Talente gezielt zu fördern und dadurch die Teamkultur sowie die Innovationskraft zu stärken.
Außerdem gehen wir das Wissen in einer Organisation auf eine radikal neue Weise an. Wir erkennen an, dass das meiste und wertvollste Wissen in der Plattformwirtschaft in den Köpfen der Menschen steckt. Mit unserem Social-Learning-Ansatz helfen wir, dieses verborgene Wissen mithilfe von automatisierten „Ritualen“ und KI zu entdecken, zu entwickeln und anzuwenden – für eine Zukunft der Arbeit, die High-tech und High-human ist.
Munich Startup: Und wie schaut das bei Eurem eigenen Team aus?
Tina Ruseva: Auch für uns als Startup ist eine Dialogkultur kritisch. Dabei arbeiten wir zusätzlich zu 100 Prozent remote und erleben, wie schwierig es ist, für ausreichend Austausch und Zusammenarbeit zu sorgen – auch in einem kleineren Team von zehn MitarbeiterInnen. Das erste Jahr im Teamaufbau war für mich als CEO die größte Herausforderung in meiner bisherigen Gründerinnenkarriere. Wir waren noch zu klein für eine eigene Personalabteilung oder Community Manager, aber die Bedürfnisse der Angestellten waren die gleichen wie im Konzern. Zum Glück konnten wir selbst unsere Software nutzen, um von jedem ein Kompetenzprofil mit passenden Weiterentwicklungsangeboten zu erstellen und das Matching zu automatisieren. Dabei haben wir von virtuellen Coffee-Chats bis hin zu formellen Skill-Sharing-Formaten alles ausprobiert. Die Zeit war prägend für den Aufbau unserer Teamkultur-Expertise.
Munich Startup: Du und Andrey seid beide Serial Entrepreneurs. Wie hat das auf dem Weg geholfen?
Tina Ruseva: Genau, wir haben mehrfach gegründet und haben einen interdisziplinären Hintergrund sowie Konzernerfahrung. Dabei ist uns immer wieder aufgefallen, wie wenig Austausch zwischen Funktionen und Abteilungen stattfindet und wie wenig individuell, sperrig und teilweise willkürlich Mitarbeiterentwicklung ist.
In meinem letzten Job, als Head of Startup Programs beim Werk1, war ich unter anderem für das Matching der Gründerinnen mit erfahrenen MentorInnen zuständig. Dabei wurde mir klar, dass ein zentrales Matching für die schnelllebige Realität von Startups zu langsam ist und zu viel Aufwand bedeutet. Was man stattdessen braucht, ist die selbstgesteuerte – also dezentrale – Fähigkeit, sich je nach Bedarf zu vernetzen. So wie Startups arbeiten, müssen heute auch viele Konzerne Innovationen schneller als je zuvor entwickeln und in einem kontinuierlichen Wandel auf Marktveränderungen reagieren. Deswegen ist das Thema Skills so groß. Als mir das klar wurde, habe ich losgelegt und Mentessa gegründet.
Munich Startup: Und wie sieht es finanziell bei Euch aus?
Tina Ruseva: Wir haben langsamer losgelegt als andere. Ich habe in den ersten zweieinhalb Jahren das Startup gebootstrapped. Das führt zu viel Overhead, zum Beispiel für Kundenanpassungen, schafft aber auch Marktnähe. Das heißt, wir haben unser Produkt praktisch Hand in Hand mit unseren KundInnen entwickelt. Mit der ersten Finanzierungsrunde 2022 konnten wir die Technologie Enterprise-ready machen, um schneller wachsen zu können. Diese Substanz machte uns resilienter und auch in schwierigen Jahren erfolgreich, wie zum Beispiel 2023. Heute hat Mentessa KundInnen auf drei Kontinenten, von Kanada bis Serbien, sowie eine Vielzahl an bedeutenden Auszeichnungen wie dem „Best of Technology Award“ der Wirtschaftswoche. Diese Basis nutzen wir, um in den nächsten 18 Monaten unser Wachstum zu beschleunigen.
Munich Startup: Wie habt Ihr den Startup-Standort München bisher erlebt?
Tina Ruseva: München ist ein fantastischer Ort, um ein Startup zu gründen. Die Stadt beherbergt als Wirtschaftsstandort viele potenzielle KundInnen und ein ausdifferenziertes Startup-Ökosystem. Das bietet viele Fördermöglichkeiten, die es an anderen Orten gar nicht so gibt. Außerdem sitzen hier viele KapitalgeberInnen und Top Unis, an denen man potenzielle MitgründerInnen, MitarbeiterInnen und Innovationen finden kann.
Leider ist aber auch die hiesige Kultur sehr auf „Beziehungen“ im klassischen Sinne angewiesen. Als Frau, „mit Migrationshintergrund“ oder mit einer anderen Hautfarbe, ist man außerhalb der Startup-Szene so schnell im Abseits. Die „Vetternwirtschaft“ von gestern gehört weg, denn München ist längst eine internationale Metropole mit einem hohen Anteil an MigrantInnen und alternativen Lebensstilen. Diverse Hintergründe sind dabei keine Schwäche, sondern eine Stärke. Das ist eine Bereicherung und eine Chance, denn keiner kann alles und jeder kann etwas. Eine starke Gemeinschaft basiert auf starken Individuen.
Munich Startup: Auf welche Milestones arbeitet Ihr als nächstes hin?
Tina Ruseva: Wir investieren weiterhin in die Technologie auf dem Weg zur zentralen Infrastruktur für Skill-basierte Zusammenarbeit. Um unsere KundInnen auf dem Weg zur Transformation zu unterstützen, gründen wir gerade eine Beratung aus.